Sind Klarträume real? Was Experimente zeigen

Klarträume sind als Zustand im REM-Schlaf experimentell bestätigt. Als garantiert erlernbare Fähigkeit oder als Wundermittel sind sie es nicht.

Illustration zur wissenschaftlichen Erforschung von Klarträumen

Die kurze Antwort hat zwei Teile. Ja: Klarträume, auch luzide Träume genannt, gibt es, und sie wurden in Schlaflaboren als Zustand innerhalb des REM-Schlafs experimentell bestätigt. Nein: Sie sind keine Fähigkeit, die sich bei jedem Menschen auf Knopfdruck herstellen lässt, und sie sind kein Zugang zu verborgenen Kräften. Wer mit gesunder Skepsis an das Thema herangeht, hat also recht und unrecht zugleich, je nachdem, welche Behauptung gerade geprüft wird.

„Bestätigt“ heißt dabei etwas Konkretes. Es bedeutet nicht, dass jemand nach dem Aufwachen glaubwürdig erzählt hat, er habe im Traum gewusst, dass er träumt. Solche Berichte gibt es seit der Antike, und sie lassen sich nicht überprüfen. Bestätigt heißt: Eine Person hat im Schlaf eine vorher vereinbarte, absichtliche Handlung ausgeführt, und zur selben Zeit zeigten die Messgeräte eindeutig Schlaf. Dieser Ratgeber geht die wichtigsten Experimente durch, benennt ihre Grenzen und zeigt, wie du die Frage für dich selbst beantworten kannst. Falls du erst einmal wissen willst, was ein Klartraum überhaupt ist, lies vorher Was ist ein Klartraum?.

Das Augensignal-Experiment

Der Versuchsaufbau ist elegant einfach. Im REM-Schlaf bewegen sich die Augen unter den geschlossenen Lidern ohnehin, und diese Bewegungen lassen sich mit Elektroden neben den Augen aufzeichnen, zusammen mit Hirnströmen und Muskelspannung. Vereinbart man vor dem Einschlafen ein auffälliges Muster, etwa zweimal hintereinander ganz nach links und ganz nach rechts, dann hebt sich dieses Muster deutlich von den zufälligen Augenbewegungen des Traumschlafs ab. Taucht es mitten in einer Phase auf, die nach allen Kriterien REM-Schlaf ist, dann hat jemand im Schlaf eine geplante Handlung ausgeführt.

Der englische Psychologe Keith Hearne beobachtete solche Signale 1975 an der Universität Hull bei seinem Versuchsteilnehmer Alan Worsley. Unabhängig davon führte Stephen LaBerge an der Stanford University ähnliche Versuche durch und veröffentlichte 1981 die viel zitierte Arbeit, in der mehrere Träumende ihre Klarheit per Augensignal meldeten, während die Polysomnographie REM-Schlaf zeigte. [Quelle] Seitdem ist das Augensignal das Standardwerkzeug der Klartraumforschung. Fast jede spätere Laborstudie baut darauf auf.

Wichtig ist, was das Experiment belegt und was nicht. Es belegt, dass es einen Zustand gibt, in dem eine schlafende Person weiß, dass sie träumt, und darin absichtlich handeln kann. Es belegt nicht, dass jeder, der von einem Klartraum erzählt, einen hatte. Und es sagt nichts darüber, wie oft Klarträume vorkommen oder wie man sie herbeiführt.

Was das Gehirn dabei zeigt

Nach dem Augensignal lag die nächste Frage auf der Hand: Unterscheidet sich das Gehirn im Klartraum messbar vom gewöhnlichen Traumschlaf? Eine Arbeitsgruppe um Ursula Voss zeichnete Hirnströme von Klarträumenden auf und fand ein Muster, das Merkmale sowohl des Wachzustands als auch des gewöhnlichen REM-Schlafs trägt, mit erhöhter Aktivität vor allem in frontalen Bereichen. [Quelle] Die Autorinnen und Autoren beschrieben Klarträumen deshalb als eine Art Zwischenzustand, nicht als Wachsein mit geschlossenen Augen.

Ein paar Jahre später kombinierte eine Gruppe um Martin Dresler EEG mit funktioneller Kernspintomographie. In einer Fallstudie zeigte das Gehirn während eines per Augensignal bestätigten Klartraums höhere Aktivität in frontalen und parietalen Regionen als im nicht-luziden REM-Schlaf, also in Arealen, die man mit Selbstbezug, Arbeitsgedächtnis und der Überwachung des eigenen Denkens verbindet. [Quelle]

Hier ist Ehrlichkeit angebracht: Das sind kleine Stichproben und zum Teil Einzelfallstudien. Im Kernspintomographen einzuschlafen, dort in den REM-Schlaf zu gelangen und dann auch noch klar zu werden, gelingt nur wenigen Personen in wenigen Nächten. Die Ergebnisse passen gut zusammen und zu dem, was man über Selbstreflexion im Gehirn weiß, sie bilden aber kein abgeschlossenes Modell. Wer dir erklärt, man wisse genau, welche Hirnregion „den Klartraum macht“, geht über die Daten hinaus.

Gespräche mit Träumenden in Echtzeit

Der bislang eindrucksvollste Schritt kam 2021. Vier Arbeitsgruppen in vier Ländern stellten schlafenden Personen einfache Fragen, zum Beispiel Rechenaufgaben, die sie über Kopfhörer, Lichtsignale oder Berührungen übermittelten. Die Träumenden antworteten aus dem per Messung bestätigten REM-Schlaf heraus mit Augenbewegungen oder mit Zuckungen der Gesichtsmuskeln, und ein Teil der Antworten war korrekt. [Quelle] Dass mehrere Labore mit unterschiedlichen Methoden unabhängig voneinander zum selben Ergebnis kamen, macht den Befund robust.

Auch hier gehört die Einschränkung dazu: Die Studie beruht auf wenigen Personen, und in den meisten Durchgängen kam gar keine Antwort. Die gelungenen Fälle sind die Ausnahme, nicht die Regel. Sie reichen aber aus, um zu zeigen, dass Information in beide Richtungen fließen kann, während jemand schläft.

Zeit im Traum

Eine andere Linie der Forschung fragt, wie lange Handlungen im Traum dauern. Klarträumende zählten im Labor oder gingen ein paar Schritte und markierten Anfang und Ende jeweils mit einem Augensignal. Zählen und Gehen dauerten im Traum ungefähr so lange wie im Wachzustand, während Kniebeugen deutlich länger brauchten. [Quelle] Das spricht gegen die verbreitete Vorstellung, Träume liefen in rasendem Zeitraffer ab, und es zeigt, dass sich Traumerleben mit Laboruhren vergleichen lässt.

Wie viele Menschen Klarträume haben

Dass ein Zustand im Labor existiert, sagt noch nichts über seine Verbreitung. Dazu wertete eine Meta-Analyse Befragungen aus fünf Jahrzehnten aus: Etwa die Hälfte der Menschen berichtet, mindestens einmal im Leben einen Klartraum gehabt zu haben, und etwa ein Viertel berichtet von einem oder mehreren im Monat. [Quelle] Die Zahlen schwanken je nach Fragestellung und Land, die Größenordnung ist aber über viele Studien hinweg stabil. Klarträume sind also kein exotisches Randphänomen, sondern etwas, das sehr viele Menschen zumindest kennen.

Was nicht belegt ist

Je klarer die Laborbefunde, desto wichtiger ist es, die Grenzen zu benennen.

Erstens: Keine Technik führt bei allen zuverlässig zu Klarträumen. Eine systematische Übersicht der Induktionsstudien fand für einige Methoden Hinweise auf Wirksamkeit, bei insgesamt gemischter Studienqualität und ohne eine Methode, die durchgehend funktioniert. [Quelle] Wer dir eine Erfolgsquote verspricht, verspricht zu viel.

Zweitens: Außerhalb des Labors beruht alles auf Selbstauskunft. Ob jemand „leicht klar“ war oder sich das nachträglich zurechtlegt, ist von außen nicht zu entscheiden. Auch die Grenze zwischen Schlaf und Wachheit ist fließend, und kurze Wachmomente lassen sich bei Berichten von zu Hause nie völlig ausschließen.

Drittens: Traumkontrolle ist seltener als Klarheit. Viele Menschen wissen im Traum, dass sie träumen, und können trotzdem wenig beeinflussen. Die Bilder aus Filmen, in denen Träumende ganze Städte falten, haben mit dem Alltag von Klarträumenden wenig zu tun.

Viertens: Was häufiges, absichtliches Klarträumen langfristig mit dem Schlaf macht, ist nicht geklärt. Einzelne Studien finden Zusammenhänge mit Schlafproblemen und dissoziativen Erlebnissen, ohne dass klar wäre, was Ursache und was Folge ist. [Quelle] Wie du damit umgehst, beschreibt Sicher klarträumen.

Warum viele Menschen zweifeln

Die Skepsis hat gute Gründe. Klarträumen wird im Netz oft zusammen mit Astralreisen, Vorhersagen und Wunderversprechen angeboten, und wer das sieht, sortiert das ganze Thema verständlicherweise in dieselbe Schublade. Dazu kommt, dass viele Menschen selbst nie einen Klartraum hatten und sich die Erfahrung schlicht nicht vorstellen können. Und die Forschungsbefunde stammen aus kleinen Stichproben, was aufmerksamen Lesern zu Recht auffällt.

Die Antwort darauf ist nicht, mehr zu glauben, sondern genauer hinzusehen. Die Laborexperimente sind veröffentlicht, mehrfach wiederholt und methodisch nachvollziehbar. Die Wunderversprechen sind es nicht. Beides lässt sich sauber trennen. Wer die Geschichte der Forschung ausführlicher nachlesen möchte, findet sie unter Die Wissenschaft des Klarträumens.

Wie du es für dich selbst prüfst

Du brauchst kein Labor, um die Frage für dich zu beantworten, aber du brauchst ehrliche Kriterien. Leg vorher fest, was für dich als Klartraum zählt: zum Beispiel der klar erinnerte Gedanke „Ich träume gerade“ im Traum, idealerweise gefolgt von einer bewussten Entscheidung, etwa stehen zu bleiben und die Umgebung zu betrachten. Ein lebhafter Traum oder das Gefühl „irgendwie wusste ich es“ zählen dann nicht.

Dann führst du einige Wochen lang ein Traumtagebuch und notierst morgens, was du erinnerst, ohne nachträglich zu verschönern. Wie das praktisch aussieht, steht unter Das Traumtagebuch. Wenn du zusätzlich tagsüber ehrliche Realitätschecks machst und abends eine Absicht setzt, hast du ein kleines Experiment mit dir selbst aufgesetzt. Einen Einstieg in diese Schritte gibt Klarträumen lernen. Das Ergebnis ist kein Labornachweis, aber es ist dein eigener Befund, und der ist für die Frage „Ist das real?“ am Ende der wichtigste.

Häufige Fragen

Kann man jemand anderem zeigen, dass man einen Klartraum hatte?

Zu Hause nicht, im Schlaflabor im Prinzip ja. Dort kannst du vor dem Einschlafen ein Augensignal vereinbaren und es im Klartraum ausführen, und die Aufzeichnung zeigt dann, ob das Signal in einer REM-Phase lag. Ohne Messgeräte bleibt dein Bericht ein Bericht, so glaubwürdig er auch sein mag.

Ist ein Klartraum einfach ein besonders lebhafter Traum?

Nein. Lebhaftigkeit beschreibt, wie intensiv Bilder und Gefühle sind, Klarheit beschreibt, ob du weißt, dass du träumst. Es gibt sehr lebhafte Träume ohne jede Klarheit und eher blasse Klarträume. Die beiden Eigenschaften treten oft zusammen auf, sind aber nicht dasselbe.

Schlafen Klarträumende wirklich?

Nach allem, was die Messungen zeigen, ja. Die Augensignale erschienen in Phasen, die nach Hirnströmen, Augenbewegungen und Muskelspannung eindeutig REM-Schlaf waren. Das Gehirn zeigt dabei zwar auch Merkmale des Wachzustands, aber die Personen befinden sich im Schlaf und wachen nicht auf.

Können Forschende mit Träumenden kommunizieren?

In Grenzen ja. 2021 beantworteten Klarträumende in vier Laboren einfache Fragen aus dem REM-Schlaf heraus mit Augen- oder Gesichtsmuskelsignalen. Das gelang nur bei einem Teil der Versuche und nur bei wenigen Personen, aber es gelang nachweislich und unabhängig in mehreren Gruppen.

Ist Klarträumen ein Zeichen für eine Störung?

Nein. Etwa die Hälfte der Menschen berichtet von mindestens einem Klartraum, und das sind ganz überwiegend gesunde Menschen. Vorsicht ist eher bei der Praxis angebracht: Wer für Klarträume regelmäßig Schlaf opfert oder eine psychische Vorerkrankung hat, sollte das Thema vorsichtig angehen und im Zweifel mit einer Fachperson sprechen.

Warum habe ich nie Klarträume?

Das ist bei etwa der Hälfte der Menschen so und sagt nichts über dich aus. Oft fehlt schlicht die Traumerinnerung: Wer sich morgens an keinen Traum erinnert, erinnert sich auch an keinen Klartraum. Ein Traumtagebuch und ein paar ehrliche Fragen am Tag sind der übliche Anfang, und auch dann gibt es keine Garantie.

Quellen

  1. LaBerge, S. et al. (1981). Lucid dreaming verified by volitional communication during REM sleep.
  2. Voss, U. et al. (2009). Lucid dreaming: A state of consciousness with features of both waking and non-lucid dreaming.
  3. Dresler, M. et al. (2012). Neural correlates of dream lucidity obtained from contrasting lucid versus non-lucid REM sleep: A combined EEG/fMRI case study.
  4. Konkoly, K. R. et al. (2021). Real-time dialogue between experimenters and dreamers during REM sleep.
  5. Erlacher, D. et al. (2014). Time for actions in lucid dreams: Effects of task modality, length, and complexity.
  6. Saunders, D. T. et al. (2016). Lucid dreaming incidence: A quality effects meta-analysis of 50 years of research.
  7. Stumbrys, T. et al. (2012). Induction of lucid dreams: A systematic review of evidence.
  8. Soffer-Dudek, N. (2020). Are lucid dreams good for us? Are we asking the right question? A call for caution in lucid dream research.

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