Klarträumen und psychische Gesundheit: Ist es gefährlich?

Gelegentliche Klarträume sind für die meisten Menschen unproblematisch. Risiken entstehen durch Schlafmangel beim Üben und durch bestehende Erkrankungen.

Illustration zur wissenschaftlichen Erforschung von Klarträumen

Die kurze Antwort: Für die meisten Menschen sind gelegentliche Klarträume, auch luzide Träume genannt, harmlos. Etwa die Hälfte aller Menschen kennt die Erfahrung, und sie führt bei ihnen zu nichts außer einem interessanten Morgen. Die tatsächlichen Risiken liegen woanders: in der Art, wie manche Menschen Klarträumen hinterherjagen, vor allem auf Kosten des Schlafs, und in psychischen Vorerkrankungen, bei denen gezieltes Üben nicht ohne Rücksprache begonnen werden sollte.

Dieser Ratgeber ordnet ein, was die Forschung zu Risiken sagt, welche Warnzeichen es gibt und wann ein Arztbesuch sinnvoll ist. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Wenn du dir Sorgen um dich oder um einen nahestehenden Menschen machst, ist das Gespräch mit einer Fachperson immer der richtige Schritt, unabhängig davon, was hier steht.

Was die Forschung über Risiken sagt

Die Studienlage ist dünner, als man bei einem so verbreiteten Phänomen erwarten würde, und sie ist uneinheitlich. Soffer-Dudek fasste 2020 die vorhandenen Befunde zusammen und mahnte zur Vorsicht: Einige Studien finden bei Menschen, die häufig oder absichtlich klarträumen, Zusammenhänge mit Schlafproblemen und dissoziativen Erlebnissen, also mit Zuständen, in denen man sich von sich selbst oder der Umgebung entfremdet fühlt. Ob das Klarträumen diese Probleme verursacht, ob Menschen mit solchen Problemen eher klarträumen oder ob beides auf eine dritte Ursache zurückgeht, lässt sich aus den Daten nicht sagen. [Quelle]

Eine Befragung von Mallett und Kollegen ergänzt das Bild aus der Praxis. Die berichteten Vorteile des Klarträumens hingen eng daran, ob die Induktion gelang und ob die Person im Traum etwas beeinflussen konnte. Wo das nicht klappte, nannten Teilnehmende Frustration und gestörten Schlaf als Nachteile. [Quelle] Mit anderen Worten: Für die Bilanz zählt weniger, ob du klarträumst, sondern wie du übst und wie du mit Misserfolgen umgehst.

Aus klinischer Sicht diskutierten Mota-Rolim und Araujo mögliche Nutzen, etwa bei Albträumen, und mögliche Gefahren, insbesondere die Frage, ob bei Menschen mit psychotischen Erkrankungen besondere Vorsicht angebracht ist. [Quelle] Belastbare Zahlen dazu gibt es nicht. Was es gibt, ist eine vernünftige Grundhaltung: Klarträumen ist eine Übung mit dem eigenen Bewusstsein, und wer dort empfindlich ist, geht behutsam vor.

Schlafmangel ist das eigentliche Risiko

Der Klartraum selbst ist ein normaler Traum im normalen Schlaf. Was den Schlaf stört, sind manche Methoden, ihn herbeizuführen. Wake Back to Bed, kurz WBTB, besteht darin, sich nachts bewusst zu wecken, eine Weile wach zu bleiben und dann mit einer Absicht wieder einzuschlafen. Das kann die Chance auf Klarträume erhöhen, zerschneidet aber den Schlaf. Wer das mehrmals pro Woche macht, abends lange grübelt oder morgens angespannt nach Erinnerungen sucht, schläft weniger und schlechter. Erwachsene brauchen nach Einschätzung der Schlafmedizin etwa sieben Stunden Schlaf oder mehr. [Quelle] Schlafmangel wirkt sich auf Stimmung, Konzentration und Reizbarkeit aus, und genau das wird dann fälschlich dem Klarträumen zugeschrieben.

Daraus ergeben sich einfache Regeln. Übe WBTB höchstens an Tagen, an denen du ausschlafen kannst, und lass es weg, sobald du tagsüber müder bist als sonst. Wenn du nach einer Übung lange nicht wieder einschläfst, war die Wachphase zu lang oder zu anregend. Und wenn du merkst, dass du abends Druck verspürst, endlich einen Klartraum zu haben, ist das der Moment, die Übung ein paar Wochen ganz zu pausieren. Wie du WBTB möglichst schonend einsetzt, beschreibt WBTB: Wake Back to Bed.

Wer vorsichtig sein oder vorher sprechen sollte

Für einige Gruppen gilt: vor gezieltem Üben erst mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer Psychotherapeutin sprechen. Das ist keine Verbotsliste, sondern eine Liste von Situationen, in denen Rücksprache den Unterschied macht.

Wenn du dich in einem dieser Punkte wiedererkennst, heißt das nicht, dass Klarträume für dich tabu sind. Es heißt, dass du das Thema mit jemandem besprichst, der deine Situation kennt.

Schlafparalyse und Klartraumpraxis

Die Schlafparalyse, auch Schlaflähmung genannt, ist eine kurze Phase beim Einschlafen oder Aufwachen, in der du bei Bewusstsein bist, dich aber nicht bewegen kannst. Oft kommen beklemmende Wahrnehmungen dazu, etwa das Gefühl einer Anwesenheit im Raum oder Druck auf der Brust. Nach Einschätzung der Schlafmedizin ist sie in der Regel harmlos, und sie hängt mit Schlafmangel und unregelmäßigen Schlafzeiten zusammen. [Quelle] Eine systematische Übersicht bestätigt diese Zusammenhänge und ergänzt Stress, Angst, Traumafolgen und das Schlafen auf dem Rücken als weitere Faktoren. [Quelle]

Für die Klartraumpraxis bedeutet das zweierlei. Erstens: Methoden, die den Schlaf zerschneiden, können Schlafparalysen wahrscheinlicher machen, über den Umweg des Schlafmangels. Zweitens: Eine Schlafparalyse ist kein Klartraum und kein Weg dorthin, auch wenn manche Internetforen das behaupten. Sie ist ein Zeichen dafür, dass dein Schlaf gerade aus dem Takt ist. Wie du sie einordnest und was in der Situation hilft, erklärt Schlafparalyse verstehen.

Albträume

Albträume kommen gelegentlich bei fast allen vor. Von einer Albtraumstörung spricht die Schlafmedizin, wenn belastende Albträume häufig auftreten und den Schlaf oder den Alltag beeinträchtigen; dann ist Hilfe angebracht. [Quelle] Klarträumen kann für Betroffene ein Werkzeug sein, weil das Erkennen des Traums der Angst ihre Macht nimmt. Es kann aber auch das Gegenteil bewirken, wenn die Übung den Schlaf verschlechtert oder die Beschäftigung mit Träumen die Angst vor dem Einschlafen verstärkt. Was realistisch ist und wo die Grenzen liegen, steht unter Klarträumen bei Albträumen.

Derealisation und die Frage „War das ein Traum?“

Selten berichten Menschen, dass sich nach intensiver Klartraumpraxis der Wachzustand unwirklich anfühlt, als sähen sie die Welt durch Glas, oder dass sie bei einer Erinnerung nicht sicher sind, ob sie geträumt oder erlebt war. Beides ist bei gelegentlichen Klarträumen ungewöhnlich und tritt eher bei Menschen auf, die sehr viel üben, wenig schlafen und ohnehin zu Dissoziation neigen.

Wenn dir das passiert, ist die Reihenfolge klar. Erstens: alle Übungen pausieren, auch Realitätschecks, die das Gefühl eher verstärken als beruhigen. Zweitens: einige Nächte ausreichend schlafen, ohne nächtliches Wecken und ohne morgendliche Traumarbeit. Drittens: Wenn das Gefühl nach etwa zwei Wochen nicht abklingt oder wenn es den Alltag beeinträchtigt, mit einer Fachperson sprechen. Derealisation ist behandelbar, und sie ist ein Grund für Hilfe, nicht für Scham.

Wann du ärztlichen Rat suchen solltest

Konkrete Anhaltspunkte, bei denen ein Gespräch mit der Hausärztin, einem Schlafmediziner oder einer Psychotherapeutin angebracht ist, unabhängig davon, ob du Klarträume übst:

Keiner dieser Punkte bedeutet, dass etwas Schlimmes vorliegt. Sie bedeuten, dass jemand mit Fachwissen hinschauen sollte.

Verantwortungsvoll üben

Wer die Risiken kennt, kann sie gut vermeiden. Schlaf steht an erster Stelle: Jede Technik, die dich müder macht, ist für dich die falsche, egal wie gut sie bei anderen klingt. Ein Traumtagebuch am Morgen ist die schonendste Übung überhaupt, weil es keinen Schlaf kostet. Pausenregeln legst du vorher fest und nicht erst, wenn es schlecht läuft: etwa, dass du nach zwei Wochen mit schlechterem Schlaf einen Monat aussetzt.

Nahrungsergänzungsmittel oder andere Substanzen, die Klarträume versprechen, lässt du weg. Sie greifen in den Schlaf ein, ihre Nebenwirkungen sind schlecht untersucht, und sie gehören nicht in ein Hobby. Und halte deine Erwartungen ehrlich: Klarträume sind weder Therapieersatz noch Lebensumbruch, sondern eine interessante Erfahrung, die bei manchen Menschen häufiger kommt als bei anderen. Go Lucid setzt aus diesem Grund auf Traumtagebuch und sanfte Erinnerungen und lässt den WBTB-Timer als optionales Werkzeug stehen, das du bewusst einschaltest. Die ausführlichen Sicherheitsregeln findest du unter Sicher klarträumen.

Häufige Fragen

Ist Klarträumen schlecht für die psychische Gesundheit?

Für die meisten Menschen nicht. Gelegentliche Klarträume sind weit verbreitet und ohne erkennbare Folgen. Einige Studien finden bei sehr häufigem oder forciertem Klarträumen Zusammenhänge mit Schlafproblemen und dissoziativen Erlebnissen, ohne dass die Richtung geklärt wäre. Problematisch wird es vor allem, wenn du für die Übung Schlaf opferst oder eine Vorerkrankung hast, die Vorsicht verlangt.

Kann Klarträumen eine Psychose auslösen?

Dafür gibt es keinen Beleg, aber auch keine Entwarnung aus guten Studien. Klinische Übersichten raten bei Menschen mit psychotischen Erkrankungen in der Vorgeschichte zur Vorsicht, und Schlafmangel, der bei manchen Methoden entsteht, ist für sich genommen ein bekannter Risikofaktor. Wer eine solche Vorgeschichte hat, bespricht gezieltes Üben vorher mit der behandelnden Fachperson.

Kann man in einem Klartraum stecken bleiben?

Nein. Ein Klartraum ist ein Traum, und jeder Traum endet, spätestens mit der REM-Phase. Was sich wie Steckenbleiben anfühlen kann, ist eine Kette aus falschen Erwachen oder eine Schlafparalyse beim Aufwachen, beides unangenehm, aber zeitlich begrenzt. Was du tun kannst, wenn du aufwachen möchtest, steht in Aus einem Klartraum aufwachen.

Verursacht Klarträumen Schlafparalysen?

Nicht direkt. Schlafparalysen hängen mit Schlafmangel, unregelmäßigen Schlafzeiten und Stress zusammen. Methoden, die den Schlaf zerschneiden, können sie über diesen Umweg wahrscheinlicher machen. Wer regelmäßig und ausreichend schläft, hat durch Klarträume allein kein erhöhtes Risiko.

Ist Klarträumen bei Depression oder Angststörung sicher?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Weder Depression noch Angst sind nach heutigem Wissen ein Ausschlussgrund, aber beide reagieren empfindlich auf Schlafmangel, und Angst kann sich in Träumen verstärken. Wenn du in Behandlung bist, erwähne das Thema dort, verzichte auf nächtliches Wecken und beobachte ehrlich, ob die Übung dir guttut.

Soll ich aufhören, wenn ich mich schlechter fühle?

Ja, und zwar ohne schlechtes Gewissen. Schlechterer Schlaf, mehr Angst, Unsicherheit über Traum und Wirklichkeit oder gereizte Stimmung sind klare Zeichen, zu pausieren. Hol den Schlaf nach, lass die Übungen einige Wochen ruhen und sprich mit einer Fachperson, wenn sich die Beschwerden nicht bessern.

Quellen

  1. Soffer-Dudek, N. (2020). Are lucid dreams good for us? Are we asking the right question? A call for caution in lucid dream research.
  2. Mallett, R. et al. (2022). Benefits and concerns of seeking and experiencing lucid dreams: Benefits are tied to successful induction and dream control.
  3. Mota-Rolim, S. A. & Araujo, J. F. (2013). Neurobiology and clinical implications of lucid dreaming.
  4. American Academy of Sleep Medicine. Healthy sleep: sleep cycles and how much sleep adults need.
  5. Morgenthaler, T. I. et al. (2018). Position paper for the treatment of nightmare disorder in adults: An American Academy of Sleep Medicine position paper.
  6. Denis, D., French, C. C. & Gregory, A. M. (2018). A systematic review of variables associated with sleep paralysis.
  7. American Academy of Sleep Medicine. Sleep paralysis information.
  8. American Academy of Sleep Medicine. Nightmare disorder information.

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