SSILD: Die Sinne-Technik für Klarträume

SSILD lenkt die Aufmerksamkeit vor dem Wiedereinschlafen in ruhigen Runden durch die Sinne. Die Technik stammt aus der Praxis von Klarträumenden und wurde in einer Studie geprüft, mit ähnlichen Ergebnissen wie MILD.

Vier Schlafzimmer-Vignetten: geschlossene Augen, ein Ohr mit Schallwellen, eine Hand auf der Decke und wieder die Augen

SSILD steht für „Senses-Initiated Lucid Dream“, also einen über die Sinne eingeleiteten Klartraum. Die Technik stammt nicht aus einem Schlaflabor, sondern aus Online-Foren von Klarträumenden: Ein Praktiker, der online unter dem Namen Cosmic Iron schreibt, veröffentlichte sie um 2011 in Foren. Der Kern ist einfach. Nach einem nächtlichen Erwachen lässt du deine Aufmerksamkeit in ruhigen Runden durch drei Sinne wandern, das Sehen hinter geschlossenen Lidern, das Hören und das Körpergefühl. Danach schläfst du ganz normal wieder ein.

Was SSILD von vielen anderen Methoden aus Foren unterscheidet: Sie wurde später in einer größeren Untersuchung geprüft. In der International Lucid Dream Induction Study schnitt SSILD über eine Woche ähnlich ab wie MILD, die Methode, die seit Jahrzehnten in der Forschung verwendet wird. [Quelle] Das ist kein Freifahrtschein, aber es hebt SSILD aus dem Bereich reiner Erfahrungsberichte heraus.

Dieser Ratgeber beschreibt das Protokoll Schritt für Schritt, ordnet ein, was man über die Wirkung weiß und was nicht, und zeigt dir, wie du einen Versuch ehrlich auswertest, ohne deinen Schlaf zu opfern.

Was SSILD ist und woher es kommt

Ein Klartraum, manchmal auch luzider Traum genannt, ist ein Traum, in dem du bemerkst, dass du träumst. Die meisten Induktionstechniken versuchen, dieses Bemerken wahrscheinlicher zu machen. MILD arbeitet mit einem Vorsatz und dem Gedächtnis, Realitätschecks mit einer Gewohnheit aus dem Wachleben. SSILD nimmt einen anderen Weg: Es bereitet die Wahrnehmung in der Phase vor dem Wiedereinschlafen vor, ohne dass du etwas erzwingen oder dir einprägen musst.

Ihr Urheber beschrieb die Technik als eine Art Aufwärmen der Sinne, das dich in der folgenden REM-Phase empfänglicher für Ungereimtheiten machen soll. Das ist eine Vermutung aus der Praxis, keine Erkenntnis aus dem Labor. Eine andere Qualität bekam SSILD erst, als eine australische Forschungsgruppe sie neben MILD und Kombinationen beider Methoden in einer einwöchigen Studie mit interessierten Teilnehmenden einsetzte. [Quelle]

Wichtig für die Einordnung: Geprüft wurde SSILD zusammen mit einem Wake Back to Bed, also mit einem geplanten nächtlichen Aufwachen. Die Studie sagt nichts über die informellen Varianten, die online kursieren, etwa SSILD direkt beim Zubettgehen. Dazu kommen wir weiter unten.

Das Protokoll Schritt für Schritt

Die hier beschriebene Fassung orientiert sich an der ursprünglichen Anleitung aus den Foren und an dem, was in der Studie verwendet wurde. Nimm die Angaben als Rahmen, nicht als Vorschrift.

  1. Schlafe zuerst einen ersten Block. Stell dir einen leisen Wecker, der dich nach dem ersten großen Teil der Nacht weckt. In der Studie lag dieser Punkt bei etwa fünf Stunden Schlaf; pass ihn an deine Nacht an, und wenn du ohnehin von allein aufwachst, nutze dieses Erwachen. [Quelle]
  2. Bleib kurz wach, aber ruhig. Steh auf, trink einen Schluck Wasser, geh zur Toilette. Einige Minuten reichen. Helles Licht, Bildschirme und Grübeln machen dich zu wach.
  3. Leg dich bequem hin. Wähle eine Position, in der du normalerweise einschläfst. Augen zu, Körper locker.
  4. Schnelle Zyklen. Richte die Aufmerksamkeit für wenige Sekunden auf das Sehen: die Dunkelheit hinter den Lidern, vielleicht ein schwaches Flackern. Dann wenige Sekunden auf das Hören: Geräusche im Raum, das Rauschen in den Ohren. Dann wenige Sekunden auf den Körper: das Gewicht auf der Matratze, die Decke, die Atmung. Das ist ein Zyklus. Mach davon etwa vier bis sechs.
  5. Langsame Zyklen. Nun dasselbe, aber jeder Sinn bekommt deutlich länger, grob eine halbe Minute oder so lange, wie es sich natürlich anfühlt. Wieder etwa drei bis vier Durchgänge.
  6. Loslassen. Dreh dich in deine gewohnte Einschlafposition und schlaf ein, ohne weiter bewusst bleiben zu wollen. Das ist der Teil, den viele falsch verstehen: SSILD verlangt nicht, dass du den Übergang in den Schlaf wach beobachtest. Es verlangt nur, dass du vorher die Sinne durchgegangen bist.

Wenn du zwischendurch wieder aufwachst, was nach einem nächtlichen Erwachen häufig vorkommt, kannst du einen kurzen Realitätscheck machen und ein, zwei schnelle Zyklen wiederholen, bevor du weiterschläfst.

Warum SSILD wirken könnte

Ehrlich gesagt: Niemand weiß, warum SSILD Klarträume wahrscheinlicher macht, falls es das tut. Es gibt dazu keine Forschung zum Mechanismus. Was es gibt, sind plausible Erklärungen.

Die erste ist, dass das Protokoll die Bedingungen schafft, unter denen Klarträume ohnehin häufiger auftreten. Du schläfst nach einer kurzen Wachphase in den Teil der Nacht hinein, in dem die REM-Phasen länger werden. [Quelle] Diesen Effekt hat SSILD mit allen Techniken gemeinsam, die auf einem nächtlichen Erwachen aufbauen.

Die zweite Erklärung betrifft die Zyklen selbst. Wer entspannt auf leise Sinneseindrücke achtet, hält einen Rest von Beobachtung aufrecht, ohne wach zu bleiben. Vielleicht trägt sich dieser Beobachtungsmodus in die folgende Traumphase hinein. Vielleicht wirkt auch einfach die Absicht, mit der du die Übung machst, ähnlich wie bei MILD. Beides ist Vermutung. Die Studie konnte nur zeigen, dass das Gesamtpaket in dieser Woche bei dieser Gruppe ähnlich gut abschnitt wie MILD, nicht warum. [Quelle]

Hinweise aus der Praxis

Die häufigsten Fehler bei SSILD gehen in dieselbe Richtung: zu viel Anstrengung.

Manche Praktiker berichten, dass die ersten Nächte mit SSILD eher unruhig sind und erst später ruhiger werden. Ob das an der Technik oder an der Gewöhnung an das nächtliche Aufwachen liegt, ist offen.

SSILD und MILD: Unterschiede und Kombination

MILD setzt auf das prospektive Gedächtnis: Du erinnerst dich an einen Traum, stellst dir vor, wie du darin bemerkst, dass du träumst, und wiederholst einen kurzen Vorsatz. SSILD verzichtet auf all das. Es gibt keinen Satz, den du dir einprägst, und keine Traumszene, die du dir vorstellst. Wie MILD im Detail funktioniert, erklärt die MILD-Technik.

In einer früheren Studie derselben Arbeitsgruppe hatte MILD zusammen mit einem nächtlichen Erwachen über eine Woche mehr Klarträume erzeugt als Realitätschecks allein, und wer nach der Übung rasch einschlief, hatte dort bessere Chancen. [Quelle] Die spätere, größere Studie stellte MILD und SSILD direkt nebeneinander, und beide schnitten ähnlich ab. Die Kombination aus beiden Techniken in derselben Nacht brachte in dieser Studie keinen zusätzlichen Vorteil. [Quelle]

Was heißt das für dich? Du musst dich nicht für die eine überlegene Methode entscheiden, denn eine solche Rangfolge gibt es nicht. Wähle die Technik, die sich für dich leichter anfühlt. Wem das Formulieren einer Absicht hilft, der bleibt bei MILD. Wen das Wiederholen eines Satzes wach hält, der probiert SSILD. Beide wurden mit einem nächtlichen Erwachen geprüft; wie du das schonend gestaltest, steht in Wake Back to Bed.

Ein Wechsel von Nacht zu Nacht ist nicht sinnvoll. Gib einer Methode etwa zwei Wochen, bevor du urteilst.

Eine schonendere Variante ohne nächtliches Erwachen

Nicht alle können oder wollen nachts aufstehen. Schichtarbeit, kleine Kinder, ohnehin leichter Schlaf oder einfach der Wunsch nach einer ungestörten Nacht sind gute Gründe, darauf zu verzichten.

Dann kannst du die Zyklen direkt beim Zubettgehen machen: ein paar schnelle, ein paar langsame Durchgänge, dann einschlafen. Das ist eine ruhige Aufmerksamkeitsübung, die den Schlaf wenig stört. Sei dir aber im Klaren darüber, dass diese Variante nicht untersucht wurde. Die Ergebnisse der Studie beziehen sich auf SSILD nach einem Wake Back to Bed, und sie lassen sich nicht einfach auf die Einschlafvariante übertragen. [Quelle]

Beim Einschlafen am Abend folgen zunächst meist tiefe Schlafphasen, und REM-Schlaf kommt eher später in der Nacht ausführlicher vor. [Quelle] Wer die Zyklen abends macht, bereitet sich also auf eine Traumphase vor, die erst Stunden später beginnt. Ob davon etwas übrig bleibt, weiß niemand. Als risikoarmer Einstieg ist die Abendvariante trotzdem vertretbar: Wenn sie dich entspannt, gewinnst du etwas, auch ohne Klartraum.

Einen Versuch ehrlich auswerten

Klartraum-Techniken verleiten zu Wunschdenken. Ein Erfolg in der ersten Nacht fühlt sich wie ein Durchbruch an, drei leere Nächte wie das endgültige Scheitern. Beides ist meist Zufall. Aussagekräftig wird ein Versuch erst mit etwas Struktur.

Entscheide dich für einen Zeitraum, etwa zwei Wochen, und für eine Variante: mit oder ohne nächtliches Erwachen. Notiere jeden Morgen drei Dinge: ob du die Übung gemacht hast, woran du dich aus deinen Träumen erinnerst und wie du geschlafen hast. Ein Traumtagebuch ist dafür ohnehin die Grundlage. In Go Lucid kannst du Einträge mit Schlagwörtern wie „SSILD“ oder „Klartraum“ versehen und am Ende der zwei Wochen leicht auszählen.

Zähle dann nach: Wie viele Nächte mit Übung, wie viele Klarträume, wie viele Nächte mit schlechterem Schlaf. Setze das in Beziehung zu einer Vergleichswoche ohne Technik. Erst dieser Vergleich sagt dir etwas. Und sei bereit für ein nüchternes Ergebnis: In der Studie bekam auch in den Bedingungen mit den besten Ergebnissen längst nicht jede Person einen Klartraum. [Quelle]

Eine Übersicht anderer Ansätze, falls SSILD nicht zu dir passt, findest du in Klartraum-Techniken.

Sicherheit: Schlaf hat Vorrang

SSILD selbst ist eine harmlose Aufmerksamkeitsübung. Das Risiko steckt in dem Teil, der darum herum liegt: dem nächtlichen Aufwachen. Jeder Wecker in der Nacht kostet Schlaf, und Schlafmangel ist der verlässlichste Weg, sich am nächsten Tag schlecht zu fühlen. Erwachsene brauchen in der Regel sieben Stunden Schlaf oder mehr. [Quelle]

Deshalb gilt:

Beim Einschlafen nach den Zyklen kann es vorkommen, dass du Schwere, Vibrationen oder das Gefühl erlebst, dich kurz nicht bewegen zu können. Solche Eindrücke gehören zum Übergang in den REM-Schlaf und sind meist nach kurzer Zeit vorbei. Sie können erschrecken, sind aber in der Regel harmlos. Was dahintersteckt und wie du ruhig damit umgehst, erklärt Schlafparalyse verstehen.

Zur Einordnung noch einmal: Eine systematische Übersicht über Induktionsstudien kam zu dem Schluss, dass keine Technik bei allen Menschen zuverlässig Klarträume auslöst und dass die Qualität der Belege insgesamt gemischt ist. [Quelle] SSILD ist eine Option mit einer soliden einzelnen Studie im Rücken. Mehr nicht, aber auch nicht weniger. Sicher klarträumen fasst zusammen, worauf du generell achten solltest.

Häufige Fragen

Wie viele SSILD-Zyklen soll ich machen?

Die gängige Anleitung nennt etwa vier bis sechs schnelle Durchgänge von wenigen Sekunden je Sinn und danach drei bis vier langsame Durchgänge, bei denen jeder Sinn ungefähr eine halbe Minute bekommt. Diese Zahlen sind Orientierung, keine Vorschrift. Wenn du früher wegdriftest, ist das kein Fehler, und wenn dich das Zählen wach hält, lass es weg.

Funktioniert SSILD auch ohne nächtliches Erwachen?

Das weiß niemand verlässlich. Die Studie, die SSILD geprüft hat, verwendete die Technik nach einem Wake Back to Bed, und ihre Ergebnisse gelten nur für dieses Protokoll. Die Variante beim Zubettgehen ist schonender und als ruhige Aufmerksamkeitsübung vertretbar, aber sie trifft auf eine Nacht, deren längere REM-Phasen erst Stunden später kommen.

Warum schlafe ich bei SSILD einfach ein?

Weil genau das vorgesehen ist. SSILD verlangt nicht, dass du den Übergang in den Schlaf bewusst beobachtest; die Zyklen sollen die Sinne vorbereiten, danach darfst du loslassen. Ein Klartraum entsteht, wenn er entsteht, später in der folgenden Traumphase. Wer versucht, wach zu bleiben, macht aus SSILD eine andere, anstrengendere Technik.

Kann SSILD eine Schlafparalyse auslösen?

Beim Einschlafen nach einem nächtlichen Erwachen kann es vorkommen, dass du Schwere, Vibrationen oder das Gefühl erlebst, dich nicht bewegen zu können. Das ist kein Effekt der Zyklen, sondern ein Phänomen des Übergangs in den REM-Schlaf, das auch ohne jede Technik auftreten kann. Solche Episoden sind meist kurz und harmlos. Wenn sie dich belasten oder häufig werden, pausiere nächtliche Weckzeiten und lies die Hinweise zur Schlafparalyse.

SSILD oder MILD für Anfänger?

In der direkten Gegenüberstellung über eine Woche schnitten beide ähnlich ab, es gibt also keinen klaren Gewinner. Für Anfänger spricht für MILD, dass die Methode seit Jahrzehnten beschrieben ist und mit der Traumerinnerung arbeitet, die du ohnehin aufbauen solltest. Wer sich mit Vorsätzen und Vorstellungsbildern schwer tut, kann ebenso gut mit SSILD beginnen. Entscheidend ist, eine Methode für ein paar Wochen durchzuhalten.

Wie lange dauert es, bis SSILD wirkt?

Dafür gibt es keine verlässliche Zahl. In der Studie wurde über eine Woche gemessen, und auch dort hatte längst nicht jede Person einen Klartraum. Manche berichten von einem Erfolg in den ersten Nächten, andere brauchen Wochen oder erleben gar nichts. Plane einen Versuch über etwa zwei Wochen, führe Tagebuch, und beurteile danach nüchtern, ob die Technik zu dir und deinem Schlaf passt.

Quellen

  1. Adventure-Heart (formerly Aspy), D. J. (2020). Findings from the International Lucid Dream Induction Study.
  2. Aspy, D. J., Delfabbro, P., Proeve, M. & Mohr, P. (2017). Reality testing and the mnemonic induction of lucid dreams.
  3. Stumbrys, T. et al. (2012). Induction of lucid dreams: A systematic review of evidence.
  4. American Academy of Sleep Medicine. Healthy sleep: sleep cycles and how much sleep adults need.

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