Die Wissenschaft des Klarträumens: Geschichte und Forschung
Klarträume wurden jahrhundertelang beschrieben, bevor sie im Schlaflabor messbar wurden. Dieser Überblick ordnet die Forschung ein, mit ihren Stärken und Lücken.

Klarträume, international als luzide Träume bekannt, sind ein altes Thema und ein junges Forschungsfeld. Beschrieben wurden sie über Jahrhunderte, in philosophischen Texten, in religiösen Übungssystemen und in den Tagebüchern einzelner Träumer. Messbar wurden sie erst in den 1970er- und 1980er-Jahren, als Schlaflabore ein Verfahren fanden, mit dem Träumende ihre Klarheit aus dem Schlaf heraus melden konnten. Seitdem hat sich ein kleines, aber ernsthaftes Feld entwickelt, das von der Hirnforschung bis zur Albtraumtherapie reicht.
Dieser Ratgeber geht zuerst die Geschichte entlang und dann die Themen: was im Gehirn passiert, wie Klarträume herbeigeführt werden, wofür sie angewendet werden und welche Fragen offen sind. Am Ende steht eine kurze Anleitung, wie du Studien zum Thema selbst kritisch liest.
Frühe Berichte: von Aristoteles bis Celia Green
Schon Aristoteles hielt in seiner kleinen Schrift über Träume fest, dass einem Schlafenden manchmal etwas im Bewusstsein sage, das Erlebte sei nur ein Traum. Das ist eine Beobachtung in einem Nebensatz, keine Theorie, aber sie zeigt, dass die Erfahrung seit der Antike bekannt ist. In der tibetisch-buddhistischen Tradition entwickelte sich mit dem sogenannten Traumyoga ein Übungsweg, in dem das Erkennen des Traumzustands bewusst kultiviert wird, allerdings mit einem religiösen Ziel und nicht als Freizeitfähigkeit.
Im 19. Jahrhundert veröffentlichte der französische Sinologe Marquis d’Hervey de Saint-Denys 1867 das Buch „Les rêves et les moyens de les diriger“, zu Deutsch etwa „Die Träume und die Mittel, sie zu lenken“. Es beruht auf jahrzehntelangen eigenen Traumaufzeichnungen und beschreibt, wie er lernte, im Traum klar zu werden und das Geschehen zu beeinflussen. Der niederländische Arzt Frederik van Eeden prägte 1913 in einem Vortrag vor der Society for Psychical Research den Begriff „lucid dream“, ebenfalls auf Grundlage eines eigenen, über Jahre geführten Traumtagebuchs. Die britische Psychologin Celia Green sammelte 1968 in ihrem Buch „Lucid Dreams“ erstmals systematisch Berichte und ordnete das Phänomen als ernsthaften Forschungsgegenstand ein.
All diese Berichte haben eines gemeinsam: Sie beruhen auf Selbstbeobachtung. Das macht sie nicht wertlos, aber es erklärt, warum die akademische Psychologie das Thema lange als Kuriosität behandelte. Ein Traum, in dem man weiß, dass man träumt, klang für viele nach einem Widerspruch in sich.
Die Bestätigung im Schlaflabor
Der Durchbruch kam mit einer einfachen Idee. Im REM-Schlaf bewegen sich die Augen, und diese Bewegungen lassen sich aufzeichnen. Wenn eine Person vor dem Einschlafen ein auffälliges Augenmuster vereinbart und es im Klartraum ausführt, erscheint dieses Muster in der Messkurve. Keith Hearne beobachtete 1975 an der Universität Hull solche Signale bei seinem Versuchsteilnehmer Alan Worsley. Unabhängig davon arbeitete Stephen LaBerge in Stanford mit derselben Methode und veröffentlichte 1981 die Studie, die heute als Standardbeleg gilt: Mehrere Klarträumende gaben vereinbarte Augensignale, während die Polysomnographie REM-Schlaf zeigte. [Quelle]
LaBerge war dabei zugleich Forscher und Versuchsperson. In einer Einzelfallstudie an sich selbst steigerte er über Monate die Häufigkeit seiner eigenen Klarträume und entwickelte daraus die Methode, die er MILD nannte, die mnemonische Induktion von Klarträumen: Nach dem Aufwachen aus einem Traum nimmt man sich vor, beim nächsten Träumen die Klarheit zu bemerken, und stellt sich das konkret vor. [Quelle] Dass eine Einzelfallstudie am Ursprung der bekanntesten Technik steht, ist eine der Eigenheiten dieses Feldes. Was die Laborbelege genau zeigen und was nicht, erläutert Sind Klarträume real?.
Die deutsche Tradition: Paul Tholey und der Klartraum
Parallel und weitgehend unabhängig entstand in Deutschland eine eigene Forschungslinie. Der Frankfurter Psychologe Paul Tholey prägte den Begriff Klartraum und entwickelte ab Ende der 1970er-Jahre eine gestaltpsychologisch geprägte Theorie dazu. Seine bekannteste Methode ist die Reflexionstechnik: Man gewöhnt sich an, tagsüber immer wieder kritisch zu fragen, ob man gerade wacht oder träumt, in der Erwartung, dass diese Gewohnheit in den Traum hineinwirkt. Tholey beschrieb außerdem, wie sich Trauminhalte im Klartraum beeinflussen lassen, etwa im Umgang mit bedrohlichen Traumfiguren. [Quelle]
Die heutigen Realitätschecks sind im Grunde eine Fortführung dieser Reflexionstechnik. Wie du sie sinnvoll einsetzt, zeigt Realitätschecks richtig machen. Tholeys Arbeiten erschienen überwiegend auf Deutsch und wurden international lange wenig wahrgenommen, gehören aber zu den Fundamenten des Feldes.
Was im Gehirn passiert
Sobald Klarträume im Labor erkennbar waren, konnte man fragen, was das Gehirn dabei tut. Eine Gruppe um Ursula Voss zeichnete Hirnströme auf und fand im luziden REM-Schlaf ein Muster, das Merkmale sowohl des Wachzustands als auch des gewöhnlichen REM-Schlafs trägt, mit erhöhter Aktivität in frontalen Bereichen. [Quelle] Eine Fallstudie um Martin Dresler kombinierte EEG und funktionelle Kernspintomographie und sah während eines bestätigten Klartraums höhere Aktivität in frontalen und parietalen Regionen als im nicht-luziden REM-Schlaf. [Quelle]
Eine Übersichtsarbeit von Mota-Rolim und Araujo fasste die Neurobiologie zusammen und diskutierte zugleich klinische Folgerungen, etwa den möglichen Nutzen bei Albträumen und die Frage, ob bei Menschen mit psychotischen Erkrankungen Vorsicht geboten ist. [Quelle] Zusammengenommen deuten die Befunde darauf hin, dass im Klartraum Hirnareale aktiver sind, die mit Selbstreflexion und Arbeitsgedächtnis zusammenhängen. Die Stichproben sind klein, und ein abgeschlossenes Modell gibt es nicht.
Induktionsforschung: Was lässt sich herbeiführen?
Die praktisch wichtigste Frage lautet, ob sich Klarträume gezielt herbeiführen lassen. Eine systematische Übersicht von Stumbrys und Kollegen wertete die bis dahin veröffentlichten Induktionsstudien aus. Das Ergebnis war ernüchternd und hilfreich zugleich: Keine Technik erzeugt bei allen zuverlässig Klarträume, für MILD, Wake Back to Bed und einige weitere kognitive Verfahren gab es Hinweise auf Wirksamkeit, und die Qualität der Studien war sehr unterschiedlich. [Quelle]
Danach folgten größere Studien außerhalb des Labors. Eine australische Untersuchung verglich über eine Woche Realitätschecks, WILD und MILD in Kombination mit nächtlichem Aufwachen. MILD führte in dieser Studie zu mehr Klarträumen als Realitätschecks allein, und wer nach der MILD-Übung rasch wieder einschlief, hatte eher Erfolg. [Quelle] Die internationale Klartraum-Induktionsstudie verglich dann MILD, SSILD und Kombinationen daraus, ebenfalls über eine Woche; SSILD und MILD schnitten darin vergleichbar ab. [Quelle] Im Schlaflabor zeigten Erlacher und Stumbrys, dass ein Protokoll aus Aufwachen, Beschäftigung mit dem Traum und Zurückgehen ins Bett mit MILD auch unter Messbedingungen Klarträume hervorbringt. [Quelle]
Was diese Studien gemeinsam zeigen: Die Kombination aus einer nächtlichen Wachphase und einer Absicht ist das am häufigsten untersuchte Vorgehen, und es funktioniert bei einem Teil der Teilnehmenden. Was sie nicht liefern, ist eine persönliche Erfolgsprognose. Die praktischen Anleitungen findest du unter MILD Schritt für Schritt und WBTB: Wake Back to Bed, einen Vergleich der Ansätze unter Klartraum-Techniken im Überblick.
Kommunikation in beide Richtungen
2021 ging die Forschung einen Schritt über das Augensignal hinaus. Vier Arbeitsgruppen in Frankreich, Deutschland, den Niederlanden und den USA stellten Klarträumenden im bestätigten REM-Schlaf einfache Fragen, zum Beispiel Rechenaufgaben, und erhielten in einem Teil der Durchgänge korrekte Antworten per Augenbewegung oder Gesichtsmuskel. [Quelle] Die Erfolgsfälle waren selten, aber sie traten in allen vier Laboren auf, mit unterschiedlichen Methoden. Damit ist belegt, dass ein Träumender Informationen von außen aufnehmen, verarbeiten und beantworten kann, ohne aufzuwachen.
Anwendungen: Albträume, Bewegung, Zeit
Die klinisch interessanteste Anwendung ist der Umgang mit Albträumen. In einer Pilotstudie von Spoormaker und van den Bout nahm die Albtraumhäufigkeit bei einer kleinen Gruppe nach einer Behandlung ab, die auf Klarträumen aufbaute. [Quelle] Die amerikanische Fachgesellschaft für Schlafmedizin empfiehlt in ihrem Positionspapier zur Albtraumstörung in erster Linie die Imagery Rehearsal Therapy, bei der man den Albtraum im Wachzustand umschreibt und einübt; die Klartraumtherapie wird als Option mit schwächerer Evidenz aufgeführt. [Quelle] Was das für Betroffene praktisch heißt, steht in Klarträumen bei Albträumen.
Eine zweite Linie betrifft das Üben von Bewegungen. In einer Pilotstudie trainierten Teilnehmende im Klartraum das Werfen von Münzen in eine Tasse und verbesserten sich anschließend im Wachzustand. [Quelle] Eine dritte untersucht die Zeitwahrnehmung: Zählen und Gehen dauerten im Klartraum etwa so lange wie wach, komplexere Bewegungen wie Kniebeugen länger. [Quelle] Beides sind kleine Studien, die vor allem zeigen, dass sich solche Fragen überhaupt stellen und messen lassen.
Offene Fragen und Vorsicht
Je mehr Menschen Klarträume gezielt üben, desto wichtiger wird die Frage nach Nebenwirkungen. Soffer-Dudek mahnte zur Vorsicht: Einige Studien finden bei häufigem oder absichtlichem Klarträumen Zusammenhänge mit Schlafproblemen und dissoziativen Erlebnissen, und es ist unklar, ob das Klarträumen diese Probleme verursacht, ob es umgekehrt ist oder ob eine dritte Größe dahintersteckt. [Quelle] Eine Befragung von Mallett und Kollegen fand, dass die berichteten Vorteile vor allem an gelungene Induktion und Traumkontrolle geknüpft waren, während gescheiterte Versuche mit Frustration und gestörtem Schlaf einhergingen. [Quelle]
Wer also profitiert und wer besser nicht übt, ist noch nicht gut verstanden. Eine ausführlichere Einordnung findest du in Klarträumen und psychische Gesundheit.
Wie du Klartraumstudien kritisch liest
Ein paar Fragen helfen, Studien zum Thema richtig einzuordnen.
- Wie groß ist die Stichprobe? Laborstudien zum Klarträumen beruhen oft auf einer Handvoll Personen, manchmal auf einer einzigen. Das ist bei dem Aufwand verständlich, begrenzt aber die Verallgemeinerung.
- Worauf beruhen die Daten? Augensignale im bestätigten REM-Schlaf sind etwas anderes als Fragebögen. Die meisten Induktionsstudien arbeiten mit Selbstauskunft aus Traumtagebüchern.
- Wie lang war der Zeitraum? Viele Induktionsstudien dauern eine Woche. Was danach passiert, ob Effekte bleiben oder verschwinden, wissen sie nicht.
- Wer hat teilgenommen? Häufig Menschen, die sich für das Thema interessieren und schon Klarträume hatten. Ergebnisse aus solchen Gruppen lassen sich nicht ohne Weiteres auf alle übertragen.
- Was wird verglichen? Eine Technik, die besser abschneidet als nichts, ist noch nicht gut. Interessant ist der Vergleich zwischen Techniken und mit einer Kontrollgruppe.
Wer diese Fragen stellt, ist gegen die meisten Übertreibungen gewappnet, in beide Richtungen: gegen Wunderversprechen ebenso wie gegen die Behauptung, das Ganze sei Einbildung.
Häufige Fragen
Wer hat das Klarträumen entdeckt?
Niemand im eigentlichen Sinn, weil die Erfahrung so alt ist wie die Berichte über Träume. Aristoteles erwähnte sie, tibetische Traditionen übten sie, Saint-Denys beschrieb sie 1867 ausführlich, und van Eeden gab ihr 1913 den Namen. Wissenschaftlich greifbar machten sie Keith Hearne und Stephen LaBerge Ende der 1970er-Jahre mit der Augensignal-Methode.
Seit wann gilt das Phänomen als bestätigt?
Seit den Laborstudien von Hearne 1975 und LaBerge 1981, in denen Träumende vereinbarte Augensignale aus dem gemessenen REM-Schlaf heraus gaben. Diese Befunde wurden seither viele Male wiederholt, zuletzt in erweiterter Form mit der Echtzeit-Kommunikation von 2021.
Was macht das Gehirn während eines Klartraums?
Hirnstrommessungen zeigen ein Muster mit Merkmalen von Wachzustand und REM-Schlaf und erhöhter Aktivität in frontalen Bereichen. Eine kombinierte EEG-fMRT-Fallstudie fand zusätzlich mehr Aktivität in parietalen Regionen als im gewöhnlichen Traumschlaf. Die Stichproben sind klein, und das Bild ist noch unvollständig.
Lassen sich Klarträume im Labor herbeiführen?
Ja, bei einem Teil der Teilnehmenden. Ein Protokoll aus nächtlichem Aufwachen, Beschäftigung mit dem Traum und MILD vor dem Wiedereinschlafen brachte auch unter Laborbedingungen Klarträume hervor. Eine Garantie für eine bestimmte Nacht oder Person gibt es damit nicht.
Gibt es medizinische Anwendungen?
Die am weitesten entwickelte ist die Behandlung von Albträumen. Eine Pilotstudie fand weniger Albträume nach einer klartraumbasierten Behandlung, und die amerikanische Schlafmedizin führt die Klartraumtherapie als Option mit schwächerer Evidenz, hinter der Imagery Rehearsal Therapy. Andere Anwendungen wie das Üben von Bewegungen sind bislang Pilotbefunde.
Was ist noch unbekannt?
Vor allem, wer vom Klarträumen profitiert und wem es nicht guttut. Die Zusammenhänge mit Schlafqualität und dissoziativen Erlebnissen sind nicht geklärt, langfristige Studien fehlen, und die Hirnbefunde beruhen auf wenigen Personen. Auch warum manche Menschen leicht klar werden und andere trotz Übung nie, ist offen.
Quellen
- LaBerge, S. et al. (1981). Lucid dreaming verified by volitional communication during REM sleep.
- LaBerge, S. (1980). Lucid Dreaming as a Learnable Skill: A Case Study.
- Tholey, P. (1983). Techniques for inducing and manipulating lucid dreams.
- Voss, U. et al. (2009). Lucid dreaming: A state of consciousness with features of both waking and non-lucid dreaming.
- Dresler, M. et al. (2012). Neural correlates of dream lucidity obtained from contrasting lucid versus non-lucid REM sleep: A combined EEG/fMRI case study.
- Mota-Rolim, S. A. & Araujo, J. F. (2013). Neurobiology and clinical implications of lucid dreaming.
- Stumbrys, T. et al. (2012). Induction of lucid dreams: A systematic review of evidence.
- Aspy, D. J., Delfabbro, P., Proeve, M. & Mohr, P. (2017). Reality testing and the mnemonic induction of lucid dreams.
- Adventure-Heart (formerly Aspy), D. J. (2020). Findings from the International Lucid Dream Induction Study.
- Erlacher, D. & Stumbrys, T. (2020). Wake up, work on dreams, back to bed and lucid dream: A sleep laboratory study.
- Konkoly, K. R. et al. (2021). Real-time dialogue between experimenters and dreamers during REM sleep.
- Spoormaker, V. I. & van den Bout, J. (2006). Lucid dreaming treatment for nightmares: A pilot study.
- Morgenthaler, T. I. et al. (2018). Position paper for the treatment of nightmare disorder in adults: An American Academy of Sleep Medicine position paper.
- Erlacher, D. & Schredl, M. (2010). Practicing a motor task in a lucid dream enhances subsequent performance: A pilot study.
- Erlacher, D. et al. (2014). Time for actions in lucid dreams: Effects of task modality, length, and complexity.
- Soffer-Dudek, N. (2020). Are lucid dreams good for us? Are we asking the right question? A call for caution in lucid dream research.
- Mallett, R. et al. (2022). Benefits and concerns of seeking and experiencing lucid dreams: Benefits are tied to successful induction and dream control.